Der russische Ökonom und Unternehmer Wjatscheslaw Schirjajew zeichnet in einem Interview mit dem russischen Portal Republic ein düsteres Bild der russischen Wirtschaft. Inhaltlich geht Schirjajew weit über die üblichen Warnungen vor Stagnation, Inflation oder Haushaltsproblemen hinaus: Er spricht von einer Wirtschaft in der „akuten Phase“ einer schweren Erkrankung – vergleichbar mit dem Vorstadium eines Herzinfarkts. Ohne radikale Maßnahmen drohten Herzinfarkt und Stillstand.
Nach Schirjajews Einschätzung verdecken volle Regale, weiterhin gezahlte Löhne und gelegentliche Gehaltserhöhungen nur oberflächlich die eigentlichen Probleme. Die russische Wirtschaft schrumpfe bereits strukturell, weil ihr „lebendiges Geld“ fehle. Die Ausgaben, Investitionen und Kredite der vergangenen Jahre hätten keinen nachhaltigen Mehrwert geschaffen, sondern seien „im Feuer des Krieges verbrannt“. Ohne neue Investitionen, Exporterlöse oder Märkte werde das System zwangsläufig zusammenbrechen.
Besonders hart urteilt Schirjajew über die Industrie. Noch vor kurzem habe er einzelnen Branchen wie der Nichteisenmetallurgie, der Düngemittelindustrie oder sogar dem Bestattungsgewerbe Überlebenschancen eingeräumt. Inzwischen sehe er jedoch praktisch alle Branchen betroffen. Am Anfang der Krise stünden unter anderem Forstwirtschaft, Kohleindustrie, Stahl, Maschinenbau, Textil- und Papierindustrie sowie kommunale Versorger. Viele Grundstoffindustrien müssten seiner Ansicht nach um das Zwei- bis Dreifache schrumpfen.
Eine Schlüsselrolle weist Schirjajew der Öl- und Gasindustrie zu. Sie stehe „in der Mitte der Warteschlange“, könne aber durch ukrainische Angriffe auf Raffinerien und Infrastruktur in eine Lage geraten, die das gesamte System erschüttere. Anders als manche Branchenexperten hält er nicht nur einzelne Produktionsausfälle für problematisch, sondern die Störung ganzer Verarbeitungsketten. Russland habe demnach nicht einfach zu viel Raffineriekapazität, sondern ein strukturelles Problem bei Heizöl, Naphtha und Vorprodukten, die früher nach Europa oder in die Türkei geliefert wurden. Eine Benzinkrise sei aus seiner Sicht nicht Zukunft, sondern habe bereits begonnen – auch wenn sie für die Bevölkerung noch nicht voll sichtbar sei.
Auch kurzfristige Zusatzeinnahmen durch höhere Ölpreise hält Schirjajew für unzureichend. Selbst wenn Russland durch geopolitische Krisen wie den Konflikt um Iran kurzfristig rund 200 Milliarden Rubel zusätzlich einnehme, stehe dem ein viel größeres Loch gegenüber: sinkende Einnahmen aus Mehrwertsteuer, Gewinnsteuer, Verbrauchssteuern und vereinfachter Besteuerung. Das Haushaltsdefizit könne seiner Prognose zufolge bis Jahresende auf 10 bis 12 Billionen Rubel wachsen, 2026 sogar auf 15 Billionen Rubel über alle Ebenen hinweg.
Scharf kritisiert Schirjajew den Bankensektor. Der Gewinn der Banken stehe in keinem gesunden Verhältnis zur realen Wirtschaft. Die Sberbank bezeichnet er zugespitzt als eine Art zusätzliche Steuerbehörde. Wenn der Bankensektor mehr verdiene als die produktiven Branchen, zeige dies nicht Stärke, sondern eine schwere Fehlfunktion. Das russische Bankensystem sei für ihn weniger ein Investitionsvermittler als ein Mechanismus zur Abschöpfung der Wirtschaft.
Auch die Landwirtschaft sieht er nicht als stabile Ausnahme. Zwar habe Russland gute Getreideernten erzielt, doch sei das Land 2025 erstmals Nettoimporteur von Agrarprodukten geworden. Kritisch seien Importabhängigkeiten bei Lebensmitteln wie Kartoffeln, Gemüse, Rindfleisch, Milchprodukten und weiteren Alltagsprodukten. Sollte der Rubel deutlich abwerten, erwartet Schirjajew Preissteigerungen und teilweise Knappheiten bei Lebensmitteln des täglichen Bedarfs.
Für den Krieg sieht Schirjajew die ökonomische Grundlage schwinden. Russland könne den Krieg nur fortsetzen, indem es Bevölkerung und Wirtschaft immer stärker belaste. Ein echtes Mobilisierungsszenario hält er für riskanter als eine kurzfristige Fortsetzung des bisherigen Kurses. Ohne Geld lasse sich das bisherige Modell nicht aufrechterhalten; für eine nordkoreanische Variante fehle Russland aus seiner Sicht die ideologische Grundlage.
Besonders deutlich widerspricht Schirjajew der offiziellen Darstellung von Stabilisierung und technologischer Zukunft. Aussagen von Zentralbankchefin Elvira Nabiullina oder anderen Regierungsvertretern wertet er als Teil einer Beschwichtigungspolitik. Auch die Ersparnisse der Bevölkerung sieht er nicht als solide Finanzierungsquelle, sondern als letztes Reservoir eines Systems, das bereits große Teile seines Geldes verbraucht habe. Er verweist auf wachsende Bargeldabhebungen und befürchtet, dass ein erheblicher Teil der Bankkredite uneinbringlich werde.
Sein Fazit ist maximal pessimistisch: Der wirtschaftliche Zusammenbruch Russlands sei nicht mehr aufzuhalten, sondern nur noch zeitlich schwer zu datieren. Er könne Ende 2026 oder Anfang 2027 eintreten. Russland habe sich nach seiner Darstellung über Jahre „selbst aufgefressen“, während der Krieg die Ressourcenbasis zerstört habe. Eine Rettung wäre theoretisch nur durch ein Ende der Militärausgaben, starke Steuersenkungen, Aufhebung der Sanktionen, Rückkehr westlicher Märkte und Investitionen sowie glaubwürdige Sicherheitsgarantien möglich – ein Szenario, das Schirjajew selbst als reine Fantasie bezeichnet.
Bemerkenswert an dem Interview ist weniger, dass es wirtschaftliche Schwächen Russlands benennt – Inflation, Fachkräftemangel, Haushaltsdefizit, Steuerdruck und Probleme einzelner Branchen sind auch in offiziellen russischen Quellen sichtbar. Auffällig ist vielmehr die Konsequenz, mit der Schirjajew diese Faktoren zu einem einzigen Krisenbild verbindet. Seine Prognosen sind drastisch und teilweise spekulativ, doch sie zeigen, wie weit sich die Einschätzungen unabhängiger russischer Ökonomen von der offiziellen Regierungssprache der „Stabilisierung“ entfernt haben.

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