Mehr bezahlen, wenig verdienen: Russlands Gemüsebau in der Preisspirale

Mehr bezahlen, wenig verdienen: Russlands Gemüsebau in der Preisspirale

Kartoffeln, Kohl, Möhren, Rote Bete und Zwiebeln gehören in Russland zu den alltäglichsten Lebensmitteln. Ende August kosteten diese Grundzutaten des sogenannten Borschtsch-Warenkorbs im Einzelhandel jedoch 20 bis 38 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Hinter dem Preissprung steckt nicht nur eine kleinere Ernte. Auf dem Gemüsemarkt treffen die Folgen des vorjährigen Preisverfalls auf steigende Kosten, knappen Kraftstoff und fehlende Arbeitskräfte. Mehr bezahlen die Verbraucher – gut verdienen die Bauern deshalb noch lange nicht.

Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens NTech verteuerte sich Weißkohl innerhalb eines Jahres um 38 Prozent. Zwiebeln und Rote Bete kosteten jeweils 32 Prozent mehr, Kartoffeln 30 Prozent und Möhren 20 Prozent mehr. Die von Rosstat ermittelten absoluten Preise und Veränderungsraten weichen im Einzelnen ab, zeigen aber denselben Trend. Nach Angaben der Statistikbehörde kosteten Kartoffeln Ende August durchschnittlich 46,70 Rubel je Kilogramm und damit 35,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Bei Weißkohl betrug der Anstieg 35,2 Prozent, bei Zwiebeln 27,2 Prozent. Tomaten verteuerten sich um 24,2 Prozent auf durchschnittlich 165,90 Rubel je Kilogramm.

Das russische Landwirtschaftsministerium verweist darauf, dass die laufende Ernte die Großhandelspreise bereits sinken lässt. Anfang September seien Kartoffeln im Vergleich zum August auf Großhandelsebene um 12,3 Prozent billiger geworden, Tomaten um zehn Prozent. Mit wachsenden Liefermengen aus heimischer Produktion sei ein weiterer saisonaler Rückgang zu erwarten.

Das ist kein Widerspruch zu den hohen Jahresraten. Gemüsepreise schwanken stark mit den Erntezeiten. Der aktuelle Zufluss frischer Ware kann die Preise gegenüber dem Vormonat drücken, obwohl sie weiterhin deutlich über dem niedrigen Niveau des Vorjahres liegen. Für die Verbraucher bedeutet das: Eine gewisse Entspannung ist möglich, eine Rückkehr zu den Preisen des vergangenen Herbstes aber keineswegs sicher.

Die verspätete Antwort der Bauern

Die Ursachen der Teuerung reichen in das vergangene Jahr zurück. 2025 waren Kartoffeln und Freilandgemüse nach einer guten Ernte zeitweise stärker im Preis gefallen als andere Grundnahrungsmittel. Für die Verbraucher war das willkommen, für viele Erzeuger bedeutete es jedoch geringe Margen oder Verluste. Die Bauern reagierten so, wie es in einem Markt mit langen Produktionszeiten zu erwarten ist: Sie schränkten den Anbau in der folgenden Saison ein.

Nach Angaben von Rosstat wurden 2026 in Betrieben aller Kategorien noch 968.200 Hektar mit Kartoffeln bepflanzt, 1,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Anbaufläche für Freilandgemüse schrumpfte sogar um 4,4 Prozent auf 457.200 Hektar. Das Analysezentrum AB-Center erwartet, dass die Kartoffelernte in dieser Saison um 11,5 Prozent auf 7,5 Millionen Tonnen sinkt.

Damit zeigt sich der bekannte agrarische Zyklus: Eine große Ernte drückt die Preise, niedrige Preise führen zu weniger Anbau, das kleinere Angebot lässt die Preise wieder steigen. Bei Kartoffeln lässt sich dieses Hin und Her inzwischen fast im Jahresrhythmus beobachten. 2023 wuchs die Ernte und die Preise fielen. 2024 kehrte sich die Entwicklung um. 2025 kam wieder mehr Ware auf den Markt, 2026 nun erneut weniger.

Solche Schwankungen lassen sich nicht kurzfristig ausgleichen. Zwischen der Entscheidung über die Anbaufläche und dem Verkauf der Ernte liegen viele Monate. Reagieren die Bauern auf das Preissignal des Vorjahres, kann sich die Marktlage bis zur nächsten Ernte längst verändert haben. Was betriebswirtschaftlich vernünftig erscheint, verschärft dann für den Gesamtmarkt den Wechsel zwischen Überangebot und Knappheit.

Teurer Diesel auf dem Weg zum Gemüseregal

Der Rückgang des Angebots erklärt jedoch nur einen Teil der höheren Ladenpreise. Nach Einschätzung der von Kommersant befragten Fachleute sind die Produktionskosten auf breiter Front gestiegen. Teurer wurden Saatgut, Dünger, Lagerung und Personal. Essentials außerhalb der Versorgungswege werden ebenfalls belastet. Hinzu kommt die höhere Abgabenlast für die Betriebe.

Besonders schwer wiegt die angespannte Lage auf dem russischen Kraftstoffmarkt. Diesel wird nicht nur für Traktoren und Erntemaschinen benötigt. Die wichtigsten Anbaugebiete für Freilandgemüse liegen im Süden Russlands, während ein großer Teil der kaufkräftigen Nachfrage in Moskau und St. Petersburg konzentriert ist. Steigen die Treibstoffkosten oder ist Kraftstoff regional nur eingeschränkt verfügbar, verteuern sich daher sowohl die Ernte als auch der Transport über weite Strecken.

Die Kraftstoffprobleme sind inzwischen von der russischen Regierung eingeräumt worden. Ausfälle und Schäden in Raffinerien, saisonal hohe Nachfrage und Schwierigkeiten bei der regionalen Verteilung haben die Versorgung belastet. Gerade während der Erntezeit trifft dies die Landwirtschaft an einer empfindlichen Stelle. Eine Kartoffel kann billig vom Feld kommen und trotzdem teuer im Supermarkt ankommen, wenn Ernte, Lagerung und Transport deutlich mehr kosten.

Wenn die Migrationspolitik auf die Ernte trifft

Ein weiterer Kostentreiber ist die verschärfte russische Migrationspolitik. Der Anbau und besonders die Ernte vieler Gemüsesorten erfordern weiterhin viel Handarbeit. Diese wurde in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Teil von Arbeitsmigranten übernommen.

Strengere Kontrollen, neue Auflagen und ein insgesamt unfreundlicheres Klima gegenüber Zuwanderern haben das Angebot an Saisonarbeitskräften verkleinert. Betriebe müssen höhere Löhne bieten oder mit weniger Personal auskommen. Politische Entscheidungen, die offiziell mit Sicherheit und Kontrolle begründet werden, schlagen damit unmittelbar auf die Kosten einfacher Lebensmittel durch.

Das Gemüsebeispiel zeigt, wie verschiedene Engpässe der russischen Wirtschaft ineinandergreifen. Der Arbeitsmarkt ist wegen Demografie, Mobilisierung und Abwanderung ohnehin angespannt. Die Einschränkung der Arbeitsmigration verschärft den Mangel gerade in jenen Branchen, die körperlich schwere und vergleichsweise schlecht bezahlte Arbeit anbieten. Landwirtschaftliche Betriebe können diese Kosten nur begrenzt auffangen.

Höhere Preise sind noch keine höheren Gewinne

Trotz der kräftigen Aufschläge im Einzelhandel bezweifeln Marktbeobachter, dass die Gemüseproduzenten außergewöhnliche Gewinne erzielen. Die höheren Preise gleichen vielfach lediglich gestiegene Kosten und die Verluste der vorangegangenen Saison aus. Außerdem liegt zwischen dem Preis auf dem Feld und dem Preis im Supermarkt eine Kette aus Sortierung, Lagerung, Transport und Handel.

Die Einzelhändler erklären ihrerseits, sie setzten eigene Mittel ein, um die Preise wichtiger Grundnahrungsmittel zu begrenzen. Das kann einzelne Angebote verbilligen, löst aber das strukturelle Problem nicht. Werden die Erzeugerpreise zu stark gedrückt, fehlt den Bauern der Anreiz, ihre Flächen auszuweiten. Werden die gestiegenen Kosten vollständig weitergegeben, trifft die Teuerung besonders Haushalte mit niedrigen Einkommen.

Auch für die nächste Saison zeichnet sich deshalb keine schnelle Korrektur ab. Fachleute erwarten nicht, dass die Landwirte ihre Kartoffel- und Gemüseflächen erheblich ausweiten werden. Nach dem Preissturz von 2025 fürchten viele Erzeuger ein erneutes Überangebot. Sie dürften vorsichtig planen – und damit das Risiko fortbestehen lassen, dass schon kleinere Ernteausfälle erneut starke Preissprünge auslösen.

Der Borschtsch-Warenkorb als Wirtschaftsindikator

Kartoffeln oder Kohl entscheiden nicht über die Gesamtleistung der russischen Wirtschaft. Als alltägliche Grundnahrungsmittel besitzen ihre Preise dennoch eine besondere politische und soziale Bedeutung. Die offizielle Inflationsrate ist für viele Menschen eine abstrakte Größe. Ob der Einkauf für eine Suppe ein Drittel mehr kostet als vor einem Jahr, wird dagegen unmittelbar wahrgenommen.

Der teurere Borschtsch-Warenkorb erzählt deshalb eine größere Geschichte. Der russische Agrarsektor leidet nicht in erster Linie an fehlenden Flächen oder mangelnder Nachfrage. Ihm fehlen stabile Bedingungen, unter denen sich Produktion über mehrere Jahre verlässlich planen lässt. Preisschwankungen, teure Kredite und Betriebsmittel, Kraftstoffprobleme, Arbeitskräftemangel und steigende Abgaben wirken gleichzeitig.

Das Ergebnis ist eine wenig erfreuliche Verteilung: Die Verbraucher zahlen mehr, die Bauern tragen höhere Risiken und der Handel versucht, Preissprünge wenigstens zeitweise abzufedern. Auf dem Boden der Tatsachen angekommen, zeigt sich Russlands wirtschaftliches Dilemma damit ausgerechnet am Gemüse: Knappheit und Teuerung können wachsen, ohne dass dabei jemand wirklich gewinnt.

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