Russlands Industrie ist in den ersten sieben Monaten des Jahres praktisch nicht mehr gewachsen. Nach einer Revision der amtlichen Statistik blieb gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur noch ein Plus von 0,1 Prozent. Zugleich zeigt der Blick in die einzelnen Branchen, wie ungleich sich die russische Industrie entwickelt: Während einige staats- und militärnahe Bereiche weiter zulegen, schrumpft die Produktion in zahlreichen zivilen Schlüsselindustrien.
Noch im Juli hatte die russische Statistikbehörde Rosstat für das erste Halbjahr 2026 ein Wachstum der Industrieproduktion von 0,4 Prozent gemeldet. Inzwischen wurde diese Schätzung auf null zurückgenommen. Auch die verarbeitende Industrie schnitt nach der Neuberechnung erheblich schwächer ab: Statt eines Zuwachses von 0,7 Prozent blieben nur noch 0,2 Prozent.
Hinter der Korrektur steht nicht allein eine nachträgliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage. Rosstat hat das Basisjahr seiner Berechnungen von 2018 auf 2023 umgestellt und dabei Jahresberichte der Unternehmen, neue Schätzungen für Klein- und Kleinstbetriebe sowie Veränderungen bei Preisen und industrieller Wertschöpfung einbezogen. Damit wurde zugleich die Vergangenheit etwas nach unten korrigiert: Das Industriewachstum 2025 betrug nach den neuen Berechnungen 1,1 statt 1,3 Prozent; in der verarbeitenden Industrie waren es 3,1 statt 3,6 Prozent.
Die Revision ist deshalb kein plötzlicher Produktionseinbruch. Sie zeigt jedoch, dass das industrielle Wachstum schon zuvor überschätzt worden war – und dass für 2026 kaum noch ein statistisches Polster vorhanden ist.
Auch der Juli bringt keine Wende
Im Juli lag die Industrieproduktion lediglich 0,4 Prozent über dem Vorjahresmonat. Gegenüber Juni ergab sich nach Saisonbereinigung ein Plus von nur 0,1 Prozent. Von einer spürbaren Erholung kann damit noch keine Rede sein.
Für die ersten sieben Monate zusammen weist Rosstat einen Zuwachs der verarbeitenden Industrie von 0,5 Prozent aus. Die Energieversorgung legte um 0,7 Prozent zu. Die Rohstoffförderung ging dagegen um 0,9 Prozent zurück, bei Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallwirtschaft betrug das Minus 3,2 Prozent.
Damit wird auch das offizielle Jahresziel anspruchsvoller. Das russische Wirtschaftsministerium rechnet bislang für 2026 mit einem Wachstum der gesamten Industrieproduktion um 0,6 Prozent und der verarbeitenden Industrie um ein Prozent. Nach dem nahezu stagnierenden Jahresauftakt müsste sich die Produktion in den verbleibenden Monaten deutlich beschleunigen, damit diese Prognose noch erreicht wird.
Das Wachstum kommt aus wenigen Branchen
Hinter der annähernden Null der Gesamtstatistik verbergen sich erhebliche Unterschiede. Besonders stark wuchs von Januar bis Juli die Kategorie „sonstige Fahrzeuge“ mit 22,9 Prozent. Sie umfasst unter anderem den Bau von Schiffen, Flugzeugen und Schienenfahrzeugen und damit einen Bereich, in dem zivile und militärische Produktion statistisch kaum sauber voneinander zu trennen sind.
Die Herstellung von Metallerzeugnissen stieg um 10,9 Prozent. Auch hier fallen neben zahlreichen zivilen Produkten Waffen und Munition in dieselbe statistische Kategorie. Computer sowie elektronische und optische Erzeugnisse legten um 4,2 Prozent zu. Die Arzneimittelproduktion wuchs um 13,9 Prozent.
Diese Zahlen erlauben keine exakte Berechnung des militärischen Anteils an der russischen Industrie. Sie zeigen aber, dass die kräftigsten Zuwächse weiterhin in Branchen auftreten, die stark von staatlichen Aufträgen und der Kriegswirtschaft beeinflusst werden.
Deutlich schwächer sieht es in großen zivilen Industriezweigen aus. Die Ölverarbeitung lag in den ersten sieben Monaten 9,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Herstellung von Papier und Papierwaren sank um 8,1 Prozent, die Baustoffproduktion um 5,6 Prozent. Der Maschinenbau verlor 4,1 Prozent, die Holzverarbeitung 3,9 Prozent und die chemische Industrie 2,7 Prozent.
Besonders auffällig war der Juli: Die Herstellung von Koks und Mineralölprodukten lag 19,3 Prozent unter dem Vorjahresmonat. In dieser Zahl spiegeln sich neben schwacher Nachfrage und Reparaturproblemen auch die Folgen der wiederholten ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien. Die schrumpfende Ölverarbeitung trägt inzwischen sowohl zur industriellen Stagnation als auch zu den Versorgungsproblemen auf dem russischen Kraftstoffmarkt bei.
Die Unternehmen hoffen auf Besserung
Bemerkenswert ist die wachsende Differenz zwischen der tatsächlichen Produktion und den Erwartungen der Unternehmen. Der Geschäftsklimaindikator der russischen Zentralbank verbesserte sich im August von minus 3,5 auf minus 2,4 Punkte. Vor allem die kurzfristigen Erwartungen an Produktion und Nachfrage hellten sich auf. Die aktuelle Nachfrage wurde von den Unternehmen jedoch den zweiten Monat in Folge schlechter beurteilt.
Auch das Institut für volkswirtschaftliche Prognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften registrierte etwas weniger Pessimismus. Sein Index des industriellen Optimismus stieg von minus 21 Punkten im März auf minus sieben Punkte im August. Die Produktionspläne erreichten den höchsten Stand seit 15 Monaten. Dennoch bezeichneten nur 41 Prozent der befragten Unternehmen ihre Nachfrage als normal; zu Jahresbeginn waren es 30 Prozent gewesen.
Die Unternehmen rechnen also zunehmend mit einer Stabilisierung. In den Produktionszahlen ist sie bislang kaum zu erkennen. Zudem steigen die Preiserwartungen wieder, während die Kapazitätsauslastung nach Rosstat-Angaben lediglich bei 62 Prozent liegt. Das spricht nicht für eine Industrie, die an ihre Produktionsgrenzen stößt, sondern eher für fehlende oder unsichere Nachfrage.
Mehr als eine statistische Korrektur
Die neue Rosstat-Berechnung verändert das Bild der russischen Wirtschaft nicht grundsätzlich. Sie macht seine Konturen jedoch schärfer. Der starke industrielle Aufschwung der ersten Kriegsjahre ist weitgehend ausgelaufen. Staatliche Ausgaben und militärische Aufträge halten einzelne Produktionszweige auf Wachstumskurs, können die Schwäche vieler ziviler Branchen aber kaum noch überdecken.
Solange die Unternehmen auf steigende Nachfrage hoffen, ist eine gewisse Erholung in den kommenden Monaten möglich. Doch selbst dann bliebe die strukturelle Schieflage bestehen: Wachstumsinseln in staatsnahen Sektoren stehen einer breiten industriellen Stagnation gegenüber.
Rosstat hat mit der Revision keinen neuen Abschwung erzeugt. Die Behörde hat vielmehr einen Teil des Wachstums aus der Statistik entfernt, das in der realen Produktion offenbar schon zuvor fehlte.

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