Die ukrainischen Angriffe auf Russlands Ölwirtschaft treffen inzwischen beide Enden der Wertschöpfungskette. Im Inland fällt Raffineriekapazität aus, Benzin und Diesel werden knapper. Zugleich erschweren Angriffe und wachsende Kriegsrisiken im Schwarzen Meer den Export des Rohöls, das nicht verarbeitet werden kann. Was bislang als regionaler Kraftstoffengpass erschien, entwickelt sich damit zu einem umfassenderen Problem für den russischen Ölsektor.
Mindestens 21 Angriffe auf russische Ölraffinerien zählte Bloomberg allein im August anhand öffentlicher Mitteilungen beider Kriegsparteien. Gemeint sind 21 Angriffsvorgänge, nicht 21 verschiedene Anlagen. Betroffen waren unter anderem vier der zehn größten Raffinerien des Landes. Keine dieser Zahlen bedeutet, dass sämtliche angegriffenen Werke vollständig stillstanden. Doch die Häufung der Attacken zwingt die Betreiber zu Reparaturen, Teilabschaltungen und immer neuen Anpassungen ihrer Produktion.
Nach einer Schätzung des Beratungsunternehmens EA Analytics wurden im August durchschnittlich nur noch etwas mehr als 3,8 Millionen Barrel Rohöl pro Tag verarbeitet. Das wäre der niedrigste Stand seit mehr als 20 Jahren. In normalen Sommermonaten verarbeitet Russland gewöhnlich zwischen 5,3 und 5,5 Millionen Barrel täglich.
Die historische Einordnung stammt allerdings nicht aus einer amtlichen russischen Produktionsstatistik. Detaillierte Angaben zur Kraftstoffherstellung sind inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglich. Die Schätzung beruht auf Marktdaten und muss deshalb als solche gekennzeichnet bleiben. Dass die Verarbeitung erheblich gesunken ist, wird jedoch auch durch andere Indikatoren gestützt.
Ein Fünftel weniger Benzin
In den ersten drei Augustwochen lagen die Benzinproduktion und die Lieferungen an den russischen Binnenmarkt nach Bloomberg-Informationen nahezu 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Beim Diesel sank die Produktion sogar um mehr als 23 Prozent.
Auf dem Binnenmarkt fiel der Rückgang beim Diesel mit drei Prozent deutlich geringer aus. Russland hält offenbar Liefermengen, die normalerweise exportiert würden, zunehmend im eigenen Land zurück. Vor Beginn der ukrainischen Angriffswellen hatte das Land rund zehn Prozent des weltweit gehandelten Dieselkraftstoffs geliefert.
Beim Benzin sind die Ausweichmöglichkeiten geringer. Russland hat den Export bereits bis Ende Januar 2027 untersagt. Für Diesel erwägt die Regierung eine Verlängerung beziehungsweise Verschärfung der Exportbeschränkungen. Solche Maßnahmen können mehr Kraftstoff im Land halten, sie schaffen aber keine zusätzliche Raffineriekapazität.
Die Folgen werden an den Tankstellen sichtbar. Nach Rosstat-Daten verteuerte sich Benzin allein in der Woche bis zum 24. August um 0,9 Prozent. Der durchschnittliche Literpreis erreichte 77,05 Rubel und lag damit 19,4 Prozent höher als zu Jahresbeginn.
Dabei sagt der Durchschnittspreis wenig über die regionale Versorgung aus. Besonders unabhängige Tankstellen ohne eigene Raffinerie oder bevorzugte Lieferverträge müssen Kraftstoff teilweise für rund 100 Rubel je Liter anbieten. Bei den großen vertikal integrierten Ölkonzernen bleiben die Preise häufig unter 80 Rubel. Lange Schlangen entstehen deshalb nicht zwangsläufig dort, wo der Mangel am größten ist: Eine leere Tankstelle kann ebenso bedeuten, dass kein Benzin verfügbar ist, wie dass der angebotene Kraftstoff zu teuer geworden ist.
Dass Warteschlangen inzwischen auch in Moskau und dem Moskauer Umland auftreten, ist ein zusätzliches Warnsignal. Die Hauptstadtregion gehört zu den am besten versorgten Märkten des Landes. In der Region Woronesch empfahl Gouverneur Alexander Gussew den Einwohnern bereits, häufiger öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Eine allmähliche Verbesserung stellte er erst für die zweite Septemberhälfte in Aussicht.
Überschüssiges Rohöl lässt sich nicht einfach exportieren
Fällt Raffineriekapazität aus, bleibt zunächst mehr Rohöl übrig. Theoretisch könnte Russland dieses Öl zusätzlich ins Ausland verkaufen. Doch ausgerechnet im August geriet auch der Seeexport unter Druck.
Nach vorläufigen Daten der Analyseunternehmen Vortexa und Kpler, die der Preisdienst Argus auswertete, gingen die Ölverladungen aus Noworossijsk und den russischen Ostseehäfen vom 1. bis 21. August gegenüber dem entsprechenden Julizeitraum um 26 Prozent auf 6,1 Millionen Tonnen zurück. In diesen Zahlen sind neben russischem Öl auch kasachische Mengen enthalten.
Besonders stark traf es den Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Die dortigen Verladungen der Sorten Urals und Siberian Light sowie des kasachischen Kebco sanken auf 1,21 Millionen Tonnen und damit auf weniger als die Hälfte des Juliniveaus.
Die häufig zitierte Zahl eines Rückgangs um das 4,4-Fache bezieht sich enger gefasst auf russische Lieferungen aus Noworossijsk nach Indien. Sie fielen in den ersten 21 Augusttagen auf 516.000 Tonnen. Die Ausfuhren nach China gingen auf 94.000 Tonnen zurück und waren damit nur noch etwa ein Drittel so hoch wie im Vergleichszeitraum. Lieferungen in die Türkei und nach Ägypten, die es im Juli noch gegeben hatte, wurden im August nicht registriert.
Ursache ist nicht ausschließlich eine geringere Nachfrage nach russischem Öl. Nach Angaben von Argus meiden zahlreiche Reeder das Schwarze Meer wegen der gestiegenen militärischen Risiken. Das Angebot an verfügbaren Tankern ist knapp, die Frachtraten steigen. Angriffe auf Hafenanlagen und Schiffe haben damit auch dann wirtschaftliche Folgen, wenn die Exportinfrastruktur selbst rasch wieder in Betrieb genommen werden kann.
Die Ostsee kann nicht alles auffangen
In der Vergangenheit verlagerte Russland bei Problemen im Schwarzen Meer einen Teil seiner Ausfuhren an die Ostsee. Auch diesmal versuchen Exporteure offenbar, Ladungen umzuleiten. Doch die Häfen Primorsk und Ust-Luga können den Ausfall nicht ohne Weiteres auffangen.
Die Ausfuhr von Urals und kasachischem Kebco über die Ostsee ging in den ersten 21 Augusttagen ebenfalls zurück, wenn auch nur um knapp fünf Prozent auf 4,8 Millionen Tonnen. Die Lieferungen nach Indien sanken auf 1,92 Millionen Tonnen und damit auf etwas mehr als die Hälfte des Julivolumens. Rund zwei Millionen Tonnen waren zum Zeitpunkt der Erhebung noch keinem endgültigen Bestimmungsland zugeordnet, weshalb die Zahlen später korrigiert werden können.
Stabiler blieb der östliche Exportweg. Die Ausfuhr der Sorte ESPO aus dem Pazifikhafen Kosmino stieg leicht auf 2,8 Millionen Tonnen. Davon gingen rund 2,37 Millionen Tonnen nach China. Dieser Korridor ist von den unmittelbaren Kriegsrisiken im Schwarzen Meer nicht betroffen, kann die westlichen Routen wegen seiner Lage und begrenzten Kapazität aber nicht vollständig ersetzen.
Größere Rabatte, höhere Transportkosten
Die militärischen Risiken schlagen sich auch im Preis nieder. Urals wurde in den Ostseehäfen mit einem Abschlag von rund 24,80 Dollar je Barrel gegenüber der Referenzsorte Brent gehandelt. In Noworossijsk lag der Rabatt je nach Partie zwischen 25,20 und 26,15 Dollar.
Damit sind die Abschläge so hoch wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Größere Rabatte waren zuletzt Anfang 2023 zu beobachten, nachdem das europäische Ölembargo und die westliche Preisobergrenze in Kraft getreten waren.
Für Russland zählt dabei nicht nur der sichtbare Preisabschlag. Steigende Frachtraten und Versicherungsrisiken reduzieren den tatsächlich erzielbaren Exporterlös zusätzlich. Selbst wenn das Öl einen Käufer findet, wird sein Transport teurer. Die Angriffe wirken dadurch über die unmittelbar beschädigten Anlagen hinaus.
Vom Kraftstoffproblem zum Systemrisiko
Russlands Ölsektor galt lange als vergleichsweise widerstandsfähig. Das Land verfügt über große Fördermengen, zahlreiche Raffinerien und mehrere Exportkorridore. Einzelne Ausfälle konnten durch Lagerbestände, Umleitungen und die Verlagerung von Exportmengen auf den Binnenmarkt ausgeglichen werden.
Die Angriffswelle vom August verändert diese Rechnung nicht vollständig, verschärft sie aber. Wenn mehrere große Raffinerien gleichzeitig ausfallen, reicht die bloße Umleitung von Kraftstoff immer weniger aus. Wenn gleichzeitig Reeder das Schwarze Meer meiden, kann überschüssiges Rohöl nicht problemlos exportiert werden. Und wenn die Ostseehäfen zusätzliche Mengen aufnehmen sollen, steigen dort Frachtraten und Preisabschläge.
Damit steht Russland vor einem logistischen Dilemma: Es kann einen Teil seines Rohöls nicht wie gewohnt verarbeiten, aber auch nicht jedes zusätzliche Barrel ohne höhere Kosten ins Ausland bringen.
EA Analytics erwartet für September eine Erholung der Raffinerieverarbeitung auf annähernd 4,2 Millionen Barrel täglich. Das läge weiterhin deutlich unter dem üblichen Sommerniveau. Zudem hängt die Prognose entscheidend davon ab, ob die Intensität der ukrainischen Angriffe nachlässt.
Der russische Kraftstoffmarkt leidet deshalb nicht mehr nur unter vorübergehenden Reparaturen einzelner Anlagen. Die Ukraine greift zunehmend das Zusammenspiel von Verarbeitung, Binnenversorgung und Exportlogistik an. Jede dieser Belastungen wäre für sich beherrschbar. Ihre Gleichzeitigkeit macht aus dem Benzinmangel ein strukturelles Risiko für Russlands wichtigste Einnahmequelle.

Kommentare