Noch vor wenigen Jahren gehörten Fahrradkuriere zu den sichtbarsten Gewinnern der russischen Plattformökonomie. Die Pandemie, der Boom des Onlinehandels und der Arbeitskräftemangel ließen Nachfrage und Einkommen rasch steigen. Inzwischen wächst der Markt weiter – doch sein Tempo ist eingebrochen. An die Stelle des Kuriers an der Wohnungstür treten immer häufiger Abholstationen und künftig wohl auch Lieferroboter.
Nach Berechnungen von Kommersant auf Grundlage von Rosstat-Daten stieg der Wert der für Privatkunden erbrachten Kurierdienste im ersten Halbjahr 2026 um 8,8 Prozent auf 37 Milliarden Rubel. Ein Jahr zuvor hatte das Wachstum noch 33,4 Prozent betragen, 2024 sogar 38,9 Prozent. Innerhalb eines Jahres verlangsamte sich die Wachstumsrate damit auf weniger als ein Viertel.
Ein Rückgang des Marktes ist das noch nicht. Nach mehreren Jahren mit Zuwächsen von 30 bis 40 Prozent erreicht das Geschäft jedoch eine reifere Phase. Der Onlinehandel wächst langsamer, die hohe Ausgangsbasis erschwert weitere Sprünge und die Verbraucher achten stärker auf die Kosten.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Moskau. Auf die Hauptstadt entfiel mit 18,4 Milliarden Rubel fast die Hälfte des gesamten erfassten Marktvolumens. Der Umsatz nahm dort jedoch nur noch um 1,3 Prozent zu. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 28,7 Prozent gewesen, ein Jahr zuvor 33,6 Prozent. Branchenvertreter sprechen bereits von einer weitgehenden Sättigung des Moskauer Marktes.
In anderen großen Regionen bleibt die Dynamik stärker. In St. Petersburg wuchs der Markt um 24 Prozent auf 2,1 Milliarden Rubel, im Moskauer Umland um 18,9 Prozent auf ebenfalls 2,1 Milliarden Rubel und in der Region Krasnodar um 15,6 Prozent auf zwei Milliarden Rubel. Doch auch dort liegen die Zuwachsraten teilweise deutlich unter denen des Vorjahres.
Der Aufstieg der Kuriere begann spätestens während der Corona-Pandemie. Nach Schätzungen von Data Insight wechselten 2020 mehr als zehn Millionen Russen erstmals oder verstärkt zum Onlineeinkauf. Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs sollten plötzlich nicht mehr irgendwann, sondern möglichst innerhalb einer Stunde geliefert werden. Aus einer Hilfsleistung des Handels entwickelte sich ein eigener Massenmarkt.
Der daraus entstandene Arbeitskräftebedarf wertete zugleich den Beruf auf. Während Unternehmen aus Industrie, Handel und Gastronomie über Personalmangel klagten, konnten Kuriere mit flexiblen Arbeitszeiten und vergleichsweise hohen Einkommen rechnen. Die Lieferdienste zogen Studenten, Migranten, Arbeitnehmer mit Nebenjobs und zunehmend auch Menschen aus regulären Beschäftigungsverhältnissen an.
Nun beginnt sich diese Entwicklung gegen ihre eigene Grundlage zu richten. Die hohen Einkommen und der Personalmangel verteuern die Zustellung. Seit Jahresbeginn stiegen die Lieferpreise nach Angaben von Branchenvertretern um durchschnittlich 10 bis 12 Prozent – etwa doppelt so stark wie die offizielle Jahresinflation von 6 Prozent im Juni.
Hinzu kommen neue Vorschriften. In Moskau müssen Fahrzeuge von Kurieren inzwischen registriert, mit städtischen Informationssystemen verbunden und technisch auf die Einhaltung von Geschwindigkeitsbegrenzungen eingestellt werden. Die dafür notwendigen Investitionen erhöhen die Betriebskosten zusätzlich.
Viele Kunden verzichten deshalb auf die Lieferung bis zur Wohnungstür und holen ihre Bestellungen selbst ab. Anfang 2026 gab es in Russland bereits 226.400 Abholstationen – 44,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In den Regionen werden nach Angaben des Verbandes der Internethandelsunternehmen bis zu 80 Prozent der Bestellungen an solchen Punkten entgegengenommen.
Auf den Aufstieg der Kuriere folgt damit zunächst der Aufstieg der Abholstationen. Der nächste Schritt ist bereits sichtbar: Künstliche Intelligenz optimiert Bestellungen, Routen und Auslastung, während autonome Lieferroboter die letzte Wegstrecke übernehmen sollen. Yandex plant, seinen Bestand bis Ende 2027 auf 20.000 Lieferroboter auszubauen. Ab 2026 sollen monatlich bis zu 1.300 Geräte produziert werden.
Der menschliche Kurier wird dadurch nicht plötzlich verschwinden. Komplexe Übergaben, große Entfernungen, Treppenhäuser und unvorhersehbare Situationen bleiben auf absehbare Zeit seine Domäne. Doch die einfachen, häufig wiederholten Wege lassen sich zunehmend bündeln oder automatisieren.
So entsteht ein eigentümlicher Übergang: Der Plattformboom machte den Kurier innerhalb weniger Jahre vom schlecht bezahlten Boten zur knappen und vergleichsweise teuren Arbeitskraft. Gerade dieser Aufstieg beschleunigt nun die Suche nach Möglichkeiten, ihn einzusparen.

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