Der Präsident des russischen Unternehmerverbandes RSPP, Alexander Schochin, warnt vor einer möglichen Welle von Firmenpleiten im Herbst. Sollte die russische Zentralbank den Leitzins nicht weiter senken, könnten die hohe Kreditbelastung und die gleichzeitig schrumpfende Nachfrage für zahlreiche Unternehmen zu einer existenziellen Gefahr werden.
Der Leitzins liegt derzeit bei 14,25 Prozent. Nach Schochins Einschätzung haben sich die negativen Faktoren in der Wirtschaft inzwischen so weit angehäuft, dass ein unverändert hohes Zinsniveau im Herbst zu vermehrten Insolvenzen führen könnte. Das nächste Zinstreffen der Zentralbank ist für den 24. Juli angesetzt.
Der Präsident des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer verwies insbesondere auf die Kombination aus sinkenden Auftragseingängen und weiterhin erheblichen Kreditraten. Auch andere russische Wirtschaftsverbände beobachteten inzwischen eine deutliche Abschwächung der Nachfrage.
„Wir stellen eine schrumpfende Nachfrage fest, während die Unternehmen weiterhin hohe Kreditzahlungen leisten müssen“, erklärte Schochin. Bleibe der Leitzins auf dem gegenwärtigen Niveau, drohe durch die kumulierte Wirkung der wirtschaftlichen Belastungen das Risiko „herbstlicher Konkurse“.
Besonders gefährdet seien ausgerechnet Unternehmen, die in den vergangenen Jahren in Projekte zur Importsubstitution investiert haben. Viele von ihnen hatten ihre Produktionskapazitäten mit Krediten ausgebaut, um westliche Waren und Technologien durch russische Erzeugnisse zu ersetzen. Nun fehle für die fertigen Produkte teilweise die entsprechende Nachfrage.
Damit beschreibt Schochin eine der Schattenseiten der russischen Investitionsentwicklung seit Beginn des Ukrainekrieges. Die politisch geforderte Importsubstitution löste zunächst umfangreiche Investitionen aus. Die Unternehmen gingen dabei davon aus, dass der Staat, große Konzerne und private Kunden ihre neuen Produkte dauerhaft abnehmen würden. Bleiben die Bestellungen aus, müssen sie ihre Kredite dennoch zu hohen Zinssätzen bedienen.
Schochin räumte zugleich ein, dass die Zentralbank durchaus Gründe für ihre vorsichtige Geldpolitik habe. Die jüngsten Preissteigerungen auf dem russischen Kraftstoffmarkt und das wachsende Haushaltsdefizit könnten die Inflation erneut antreiben. Beide Faktoren erschwerten eine rasche Senkung des Leitzinses.
Bei ihrer vorangegangenen Sitzung am 19. Juni hatte die Zentralbank den Satz lediglich um 0,25 Prozentpunkte auf 14,25 Prozent gesenkt. Es war zwar bereits die neunte Zinssenkung in Folge, doch fiel der Schritt deutlich kleiner aus als zuvor. Bei den acht vorausgegangenen Sitzungen hatte die Zentralbank den Satz jeweils um 0,5 Prozentpunkte reduziert.
Schochin bezeichnete die Juni-Entscheidung anschließend enttäuscht als möglicherweise „letztes Geschenk an die Wirtschaft“. Der Unternehmerverband hatte eine Senkung um einen vollen Prozentpunkt verlangt und zumindest mit einem halben Prozentpunkt gerechnet.
Die Warnung vor einer Konkurswelle ist allerdings zunächst eine Prognose des Unternehmerverbandes, keine bereits statistisch nachweisbare Entwicklung. Zugleich macht sie deutlich, wie stark die russische Wirtschaft inzwischen zwischen zwei Risiken eingeklemmt ist: Bleibt der Leitzins hoch, geraten verschuldete Unternehmen unter immer größeren Druck. Wird er zu schnell gesenkt, könnten Inflation, Kreditnachfrage und Rubelabwertung erneut angeheizt werden.
Für die Zentralbank wird die Sitzung am 24. Juli damit zu einer schwierigen Abwägung. Eine weitere Zinssenkung könnte den Unternehmen etwas Luft verschaffen. Ob sie jedoch ausreicht, um die von Schochin befürchteten Herbstkonkurse abzuwenden, hängt ebenso von der Nachfrage, den Staatsaufträgen und der Entwicklung des Haushaltsdefizits ab.

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