Russland beschwichtigt beim Benzin – doch die Krise bleibt spürbar

Russland beschwichtigt beim Benzin – doch die Krise bleibt spürbar

Russlands Regierung bemüht sich, die anhaltenden Probleme auf dem Treibstoffmarkt als kontrollierbar darzustellen. Nach wochenlangen Engpässen, regionalen Verkaufsbeschränkungen und steigenden Preisen versichern mehrere Spitzenvertreter, der Binnenmarkt sei grundsätzlich versorgt. Zugleich räumt die Zentralbank ein, dass der Benzin- und Dieselpreisanstieg länger auf die Inflation wirken könnte als frühere Preisschübe.

Das Industrie- und Handelsministerium erklärte, es halte die Versorgungslage in den Regionen unter Kontrolle. „Systematische Anfragen“ wegen fehlenden Treibstoffs für Lieferungen an den Einzelhandel würden nicht registriert, teilte das Ministerium laut Kommersant mit. Man stehe in ständigem Kontakt mit Vertretern der Treibstoffbranche; bei Problemen würden die notwendigen Maßnahmen ergriffen.

Die Lage ist dennoch seit Ende Mai eines der wichtigsten Wirtschaftsthemen in Russland. Zunächst hatten die Behörden auf der Krim Einschränkungen beim Verkauf von Benzin und Diesel gemeldet. Danach führten nach Angaben russischer Medien mehr als 30 Regionen ähnliche Begrenzungen ein. In einzelnen Gebieten, darunter Pensa, wurde wegen der Treibstofflage sogar ein erhöhter Bereitschaftszustand ausgerufen. Präsident Wladimir Putin hatte zwar einen Mangel eingeräumt, zugleich aber versichert, die Raffinerien arbeiteten mit voller Auslastung, um den Binnenmarkt zu versorgen.

Auch Vizepremier Alexander Nowak versuchte am Mittwoch, die Situation zu beruhigen. Der russische Binnenmarkt sei derzeit sowohl mit Benzin als auch mit Diesel versorgt, sagte er auf dem Finanzkongress. Lokale Unterbrechungen an einzelnen Tankstellen seien vor allem auf logistische Probleme zurückzuführen und würden operativ beseitigt. Nach Nowaks Darstellung wurden Vorräte angelegt, um solche regionalen Störungen auszugleichen. Zugleich räumte er ein, dass es eine Preisdifferenz zwischen den Tankstellen großer vertikal integrierter Ölkonzerne und unabhängigen Tankstellen gebe.

Am 29. Juni hatte Nowak bereits angewiesen, die Verteilung von Treibstoff zwischen den Regionen stärker an den aktuellen Bedürfnissen wichtiger Wirtschaftssektoren auszurichten. Zwei Tage zuvor hatte Putin zusätzliche Maßnahmen für eine „garantierte und ununterbrochene“ Versorgung von Bürgern, Unternehmen und sozial wichtigen Einrichtungen verlangt.

Die politische Linie lautet damit: Es gibt Probleme, aber keine unkontrollierbare Krise. Föderationsratschefin Walentina Matwijenko formulierte es auf ihre Weise. Man solle die Lage nicht dramatisieren und nicht „stöhnen und jammern“, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen. Gleichzeitig nannte sie die Situation „nicht einfach“ und „nicht leicht“ und sagte, ihre Korrektur werde Zeit brauchen. Besonders im Blick stehen nach ihren Worten die Agrarbetriebe, deren Versorgung mit Diesel kontrolliert werden solle.

Dass die Treibstofffrage nicht nur ein logistisches, sondern auch ein makroökonomisches Problem ist, zeigt die Einschätzung der Zentralbank. In ihrem Resümee zur Leitzinsdiskussion vom 19. Juni heißt es, die Lage auf dem Treibstoffmarkt könne länger auf die Inflation wirken als in früheren Fällen. Seit Mitte Mai habe sich der Preisanstieg bei Kraftstoffen beschleunigt. Benzin und Diesel gingen direkt in den Verbraucherpreisindex ein; zusätzlich könnten höhere Treibstoffkosten über Transport- und Produktionskosten auf andere Waren und Dienstleistungen übergreifen.

Besonders sensibel ist Benzin aus Sicht der Notenbank auch psychologisch: Für Bevölkerung und Unternehmen ist der Kraftstoffpreis ein sichtbarer Marker für die Preisentwicklung insgesamt. Deshalb könne der Anstieg auch die Inflationserwartungen beeinflussen. Bei künftigen geldpolitischen Entscheidungen will die Zentralbank deshalb die weitere Entwicklung auf dem Treibstoffmarkt und mögliche Zweitrundeneffekte berücksichtigen.

Nach Angaben von Rosstat, die Expert zitiert, verteuerte sich Benzin in Russland in der Woche vom 16. bis 22. Juni um 3 Prozent und seit Jahresbeginn um 9,8 Prozent. Diesel wurde in derselben Woche um 2,7 Prozent teurer, seit Jahresbeginn um 8,6 Prozent. Besonders starke Preisanstiege wurden aus Dagestan und Tschetschenien gemeldet.

Die Ursachen der Krise werden in russischen Regierungsäußerungen vor allem mit Schäden und Belastungen der Energieinfrastruktur, Logistikproblemen und regionalen Verwerfungen erklärt. Putin verwies auf ukrainische Angriffe auf Energieanlagen, betonte jedoch, beschädigte Objekte würden rasch wiederhergestellt. Zugleich zeigt die Suche nach zusätzlichen Maßnahmen, dass die Behörden mit einer schnellen Normalisierung nicht selbstverständlich rechnen.

Ein Randphänomen illustriert, wie sehr die Treibstofffrage inzwischen den Alltag erreicht. Laut Angaben von CDEK.Shopping, über die mehrere russische Medien berichteten, stiegen die Verkäufe ausländischer Fahrräder im Juni gegenüber Mai um 131 Prozent, der Umsatz sogar um 263 Prozent. Analysten erklärten den Sprung nicht nur mit der Saison, sondern auch mit veränderten Gewohnheiten: Das Fahrrad werde zunehmend als Alternative zum eigenen Auto gesehen.

Noch ist das eher Symbol als Verkehrswende. Aber es passt zur Stimmung: Während die Regierung vor Dramatisierung warnt, suchen manche Verbraucher offenbar schon nach Wegen, sich vom Benzinpreis unabhängiger zu machen.

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