Putin erwartet niedrigere Zinsen – doch Kredit bleibt in Russland ein zweischneidiges Versprechen

Putin erwartet niedrigere Zinsen – doch Kredit bleibt in Russland ein zweischneidiges Versprechen

Russlands Präsident Wladimir Putin hat kurz vor der nächsten Zinssitzung der Zentralbank erneut Hoffnungen auf eine weitere Senkung des Leitzinses geweckt. Bei einer Regierungsberatung erklärte er, die Maßnahmen gegen die Inflation zeigten Wirkung, die Lage sei „unter Kontrolle“, und Russland könne deshalb „mit Recht“ auf eine niedrigere Schlüsselrate und das Erreichen weiterer wirtschaftlicher Zielgrößen hoffen.

Der Hinweis ist politisch bemerkenswert, auch wenn Putin formell nicht über den Leitzins entscheidet. Die Zentralbank unter Elwira Nabiullina hatte den Satz am 24. April zum achten Mal in Folge gesenkt – um 0,5 Prozentpunkte auf 14,5 Prozent. Das nächste reguläre Treffen des Direktoriums ist für den 19. Juni geplant. Aus Sicht des Kremls kommt der Zeitpunkt für weitere Zinserleichterungen gelegen: Die Wirtschaft wächst nur noch schwach, Investitionen werden durch teure Kredite gebremst, und viele Unternehmen drängen seit Monaten auf günstigere Finanzierung.

Putin begründet seine Erwartung mit der rückläufigen Inflation. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums lag die jährliche Teuerung im April bei 5,58 Prozent, nach 5,86 Prozent im März. Auch die von der Zentralbank befragten Analysten haben ihre Inflationsprognose für 2026 leicht gesenkt – von 5,5 auf 5,3 Prozent. Gleichzeitig wurde die Wachstumserwartung für das Bruttoinlandsprodukt von 1,0 auf 0,7 Prozent reduziert. Genau darin liegt der Zielkonflikt: Der Kampf gegen Inflation war erfolgreich genug, um die Preise zu bremsen, hat aber die Konjunktur sichtbar abgekühlt.

Putin selbst spricht offen von dieser Abkühlung. Bereits zuvor hatte er erklärt, Russland sei bewusst auf eine „Abkühlung der Wirtschaft“ gegangen, um eine Hyperinflation von 60 bis 70 Prozent zu verhindern. Man könne darüber streiten, ob die Wirtschaft überkühlt worden sei oder ob noch nicht genug getan wurde, sagte er sinngemäß; in jedem Fall seien die Schritte bewusst erfolgt. Das ist eine ungewöhnlich klare Beschreibung der politischen Kosten einer harten Geldpolitik: weniger Inflation, aber auch weniger Wachstum.

Die Zentralbank bleibt trotz der Zinssenkungsserie vorsichtig. In ihrer April-Entscheidung erklärte sie, die Nachfrage habe sich zwar stärker an die Angebotsmöglichkeiten der Wirtschaft angepasst. Die nachhaltigen Preisdruck-Indikatoren seien aber noch nicht wirklich gefallen und lägen nach Einschätzung der Bank weiterhin bei 4 bis 5 Prozent annualisiert. Zudem blieben die Inflationserwartungen erhöht. Für 2026 rechnet die Zentralbank mit einer durchschnittlichen Schlüsselrate von 14,0 bis 14,5 Prozent und einer Inflation von 4,5 bis 5,5 Prozent. Erst 2027 soll die Teuerung wieder dauerhaft in der Nähe des offiziellen Zielwerts von 4 Prozent liegen.

Für Unternehmen bedeutet das: Selbst nach mehreren Senkungen bleibt Geld teuer. Eine Rate von 14,5 Prozent ist keine expansive Geldpolitik, sondern weiterhin eine Bremse. Investitionen, Bauprojekte, Konsumkredite und die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen bleiben belastet. Die Zentralbank sieht darin keinen Fehler, sondern die Bedingung für stabilere Preise. Die Wirtschaftspolitik versucht damit einen schmalen Pfad: genug Entlastung, um eine Rezession zu vermeiden, aber nicht so viel billiges Geld, dass Inflation und Rubeldruck wieder aufflammen.

Ein Blick auf das Thema Mikrokredite zeigt, warum niedrigere Zinsen allein kein Allheilmittel sind. The Bell erinnert in einer Analyse an die weltweite Geschichte des Mikrokreditwesens, das einst als kapitalistisches Mittel gegen Armut gefeiert wurde. Die ursprüngliche Idee des Grameen-Bank-Gründers Muhammad Yunus war einfach: Kleine unbesicherte Kredite sollten Menschen ohne Zugang zu Banken ermöglichen, ein Kleingewerbe aufzubauen und sich aus Armut zu befreien. Doch aus diesem Entwicklungsinstrument ist in vielen Ländern ein kommerzieller Massenmarkt geworden.

Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Weltweit stehen inzwischen Mikrokredite von rund 220 Milliarden Dollar bei mehr als 140 Millionen Kreditnehmern aus. In der Praxis werden Darlehen häufig nicht für produktive Investitionen genutzt, sondern für Krankheitskosten, Lebensmittel oder andere Grundbedürfnisse. Hohe Zinsen, aggressives Inkasso und ständige Umschuldungen können arme Haushalte tiefer in die Verschuldung treiben, statt ihnen den Weg aus der Armut zu öffnen. In Kambodscha etwa sind nach den von The Bell zusammengefassten Daten zehn Prozent der Mikrokredite mehr als 30 Tage überfällig, weitere 7,4 Prozent befinden sich in dauerhafter Restrukturierung.

Für Russland ist dieser internationale Vergleich kein direkter Maßstab, aber ein nützlicher Hinweis. Kredit wirkt nur dann als Wachstumsmotor, wenn Einkommen, Nachfrage, Produktivität und rechtliche Rahmenbedingungen mitwachsen. Wird er vor allem genutzt, um laufende Ausgaben zu decken, kann auch günstigeres Geld zur Falle werden. Für Unternehmen gilt Ähnliches: Wer bei hoher Unsicherheit und schwacher Nachfrage Kredite aufnimmt, investiert nicht automatisch produktiv.

Die erwartete weitere Zinssenkung wäre deshalb ein Signal der Entspannung, aber kein Wendepunkt. Sie würde Haushalte und Unternehmen etwas entlasten, den Aktienmarkt stützen und der Regierung helfen, die Erzählung von der stabilisierten Wirtschaft zu pflegen. Doch die eigentlichen Probleme bleiben: schwaches Wachstum, zurückhaltende Investitionen, hohe Staatsausgaben, enge Arbeitsmärkte und eine Bevölkerung, die die offizielle Inflationsberuhigung im Alltag nur begrenzt spürt.

Putins Botschaft lautet: Die harte Phase der Inflationsbekämpfung zahlt sich aus, jetzt darf die Zentralbank wieder lockern. Die Botschaft der Zentralbank bleibt vorsichtiger: Ja, die Zinsen können sinken – aber nur, solange die Inflation nicht zurückkehrt. Zwischen diesen beiden Linien entscheidet sich, ob Russland eine weiche Landung gelingt oder ob die Abkühlung der Wirtschaft am Ende mehr Schaden hinterlässt als die Inflation, die sie bekämpfen sollte.

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