EU kauft so viel russisches LNG wie seit Kriegsbeginn nicht mehr

EU kauft so viel russisches LNG wie seit Kriegsbeginn nicht mehr

Die Europäische Union hat im ersten Quartal 2026 so viel russisches Flüssigerdgas importiert wie seit Beginn des Ukraine-Krieges nicht mehr. Während Brüssel offiziell daran festhält, bis Ende 2027 vollständig auf russisches Öl und Gas verzichten zu wollen, stiegen die LNG-Lieferungen aus Russland zuletzt deutlich an.

Nach Angaben des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA), auf die sich unter anderem Kommersant, The Moscow Times und Euractiv berufen, importierten die EU-Staaten in den ersten drei Monaten des Jahres 6,9 Milliarden Kubikmeter russisches Gas. Das waren 16 Prozent mehr als im ersten Quartal des Vorjahres und der höchste Wert seit 2022. Auch im April setzte sich der Trend fort: Laut IEEFA lagen die Importe um 17 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Russland bleibt damit trotz Sanktionen, politischer Distanzierung und weitgehend eingestellter Pipeline-Lieferungen der zweitgrößte LNG-Lieferant der Europäischen Union. Der Anteil russischen Flüssiggases am EU-LNG-Markt liegt laut IEEFA bei rund 14 Prozent. Besonders Frankreich, Spanien und Belgien kaufen weiterhin russisches LNG, das per Tanker in europäische Häfen gebracht wird.

Der Anstieg fällt in eine Phase neuer Unsicherheit auf den internationalen Energiemärkten. Wegen des Krieges im Nahen Osten und der anhaltenden Störungen in der Straße von Hormus suchen europäische Staaten nach zusätzlichen Energiequellen. Durch die Meerenge läuft normalerweise ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Gastransports. Der Versuch Europas, sich nach dem Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen breiter aufzustellen, führt damit paradoxerweise zu einer stärkeren Abhängigkeit von LNG – und teilweise weiter von Russland.

Die EU hatte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ihre Energiepolitik grundlegend umgestellt. Pipeline-Gas aus Russland wurde weitgehend ersetzt, vor allem durch Flüssiggas aus den USA, Norwegen und anderen Lieferländern. Doch die neue Struktur hat eigene Risiken. Nach IEEFA-Angaben haben sich die LNG-Importe aus den USA zwischen 2021 und 2025 mehr als verdreifacht. Allein im ersten Quartal 2026 stiegen sie um weitere 27 Prozent.

IEEFA erwartet, dass die USA noch in diesem Jahr zum größten Gaslieferanten der EU aufsteigen und bis 2028 rund 80 Prozent der europäischen LNG-Importe stellen könnten. Zugleich weist das Institut darauf hin, dass amerikanisches Gas für europäische Käufer die teuerste Option sei. Die leitende Energieanalystin Ana Maria Jaller-Makarewicz sieht darin ein strategisches Problem: Europas Wechsel von Pipelinegas zu LNG sollte eigentlich Versorgungssicherheit und Diversifizierung bringen. Die Störungen durch den Nahostkrieg und die wachsende Abhängigkeit von US-LNG zeigten jedoch, dass dieser Plan in beiden Punkten nicht aufgegangen sei.

Für Russland bleibt LNG damit eine der wenigen Energierouten, über die weiterhin relevante Mengen Gas in die EU gelangen. Kommersant verweist darauf, dass die EU-Staaten 2025 russisches LNG im Wert von 6,7 Milliarden Euro kauften. Zum Vergleich: Pipelinegas aus Russland erreichte im selben Jahr ein Volumen von 5,9 Milliarden Euro. Damit hat Flüssiggas die klassische Leitungslieferung in der EU-Bilanz bereits überholt.

Politisch bleibt die Lage widersprüchlich. Brüssel erklärt weiter, die Abhängigkeit von russischen Energieträgern beenden zu wollen. Auf dem Markt aber kaufen europäische Unternehmen in erheblichem Umfang weiter russisches LNG, solange es verfügbar ist und Versorgungslücken schließt. Der Krieg in der Ukraine hat die Energiebeziehungen zwischen Russland und Europa also nicht beendet, sondern vor allem umgeleitet: weg von Pipelines, hin zu Tankern – und damit in einen globalen LNG-Markt, der durch Krisen im Nahen Osten und die Preissetzung der USA zunehmend anfällig bleibt.

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