Russlands Arbeitskräftereserve fällt auf 4,4 Millionen Menschen

Russlands Arbeitskräftereserve fällt auf 4,4 Millionen Menschen

Russlands Arbeitsmarkt verliert weiter an Reserven. Nach Angaben von „Kommersant“ unter Berufung auf „Iswestija“ und Daten des Beratungsnetzwerks FinExpertiza sank die Zahl der Menschen, die derzeit nicht arbeiten, aber grundsätzlich für den Arbeitsmarkt verfügbar wären, Ende 2025 auf 4,4 Millionen. Das waren 415.000 Menschen oder neun Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Zu dieser Personalreserve zählen drei Gruppen: offiziell Arbeitslose, die aktiv nach Arbeit suchen, Menschen der sogenannten potenziellen Arbeitskraft sowie Personen, die zwar arbeiten möchten, aber derzeit keine konkreten Schritte zur Jobsuche unternehmen. Die größte Gruppe bilden dabei mit 2,2 Millionen Menschen jene, die zwar eine Beschäftigung wünschen, aber nicht aktiv suchen. Hinzu kommen 1,7 Millionen Arbeitslose sowie 551.000 Menschen, die nicht sofort für eine Arbeitsaufnahme bereitstehen.

Der Rückgang ist langfristig deutlich: Innerhalb von fünf Jahren schrumpfte die Personalreserve laut FinExpertiza von rund sieben Millionen auf gut vier Millionen Menschen. Ihr Anteil an der Zahl der Beschäftigten sank von zehn Prozent im Jahr 2021 auf sechs Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig nahm die Zahl der Erwerbstätigen von 72 Millionen auf fast 75 Millionen zu. FinExpertiza wertet dies als Zeichen dafür, dass immer mehr Menschen bereits in die Wirtschaft eingebunden sind und die verfügbaren Arbeitskräfte knapp werden.

Im landesweiten Durchschnitt kamen zuletzt 2,6 potenzielle Bewerber aus der Personalreserve auf eine offene Stelle. Regional ist das Bild jedoch extrem unterschiedlich. Besonders viele mögliche Bewerber pro freie Stelle gibt es in Inguschetien mit 282 Menschen, in Dagestan mit 111, in Nordossetien mit 43, in Tschetschenien mit 33 und im Altai mit neun. In anderen Regionen dagegen übersteigt die Zahl der offenen Stellen bereits die Zahl der verfügbaren Kandidaten. Besonders ausgeprägt ist diese Lücke in der Amur-Region, wo auf eine Person etwa 2,3 Jobangebote kommen, sowie in den Gebieten Tula, Leningrad und Kirow.

Das russische Arbeitsministerium verweist darauf, dass die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren um mehr als drei Millionen gestiegen sei. Als wichtigste künftige Reserve nennt das Ministerium junge Menschen: Jährlich treten demnach fast 1,7 Millionen Absolventen in den Arbeitsmarkt ein.

Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf eine Abkühlung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Nach Angaben der russischen Zentralbank hat die Mehrheit der Unternehmen die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter bis Jahresende eingefroren. Auch bestehende Beschäftigungsverhältnisse geraten unter Druck: 2025 erreichte die Zahl der Menschen, die in Russland in verkürzter Arbeitswoche arbeiten, einen Rekordwert. Experten sehen darin eine Strategie der Unternehmen, Personalkosten bei schwacher Nachfrage nach ihren Produkten schnell zu senken.

Damit steht der russische Arbeitsmarkt vor einer widersprüchlichen Entwicklung: Einerseits bleibt der strukturelle Mangel an verfügbaren Arbeitskräften bestehen, weil die Reserven weitgehend ausgeschöpft sind. Andererseits deutet das Verhalten vieler Unternehmen auf Zurückhaltung und Kostendruck hin. Für die Wirtschaft bedeutet das: Selbst wenn sich die Konjunktur wieder belebt, könnte es für Arbeitgeber zunehmend schwieriger werden, kurzfristig zusätzliches Personal zu finden.

Kommentare