Russische „Schattenflotte“ tritt aus dem Schatten hervor

Russische „Schattenflotte“ tritt aus dem Schatten hervor

 Wie Russlands „Schattenflotte“ – ein Geflecht aus meist alten Tankern, Briefkastenfirmen, verschleierten Eigentümern und häufigen Flaggenwechseln – westliche Sanktionen gegen den russischen Ölhandel umgeht und warum diese Flotte seit Ende 2025 stärker unter Druck gerät, erklärt das russische Wirtschaftsportal  The Bell. Hier eine Zusammenfassung. 

Auslöser der jüngsten Hektik ist, dass westliche Staaten zunehmend nicht nur sanktionieren, sondern Tanker auch physisch stoppen und beschlagnahmen. Als Beispiel dient der Tanker „Marinera“, der am 7. Januar im Nordatlantik von US-Behörden geentert wurde. Während der Verfolgung wechselte die Besatzung die Flagge und malte die russische Trikolore auf den Rumpf – offenbar in der Hoffnung, eine „starke“ Flagge würde abschrecken. Trotzdem wurde das Schiff beschlagnahmt; selbst russische Begleitung durch Kriegsschiffe und ein U-Boot änderte daran laut Text nichts. Damit steigt für russische Ölhändler das Risiko, was langfristig Druck auf Öl-/Gaseinnahmen und die Finanzen der Ölkonzerne erhöht.  

Hintergrund: Europa verbot ab Dezember 2022 den Import von russischem Rohöl per Seeweg und ab Februar 2023 auch von Erdölprodukten. EU und G7 führten zugleich eine Preisobergrenze ein. Der Text nennt als Stand 1. Februar 2026 eine Obergrenze von 44 US-Dollar pro Barrel; darüber verkauftes Öl darf nicht mit westlicher Infrastruktur (Versicherungen, Transportdienste, Flaggenstaaten etc.) befördert werden. Um das zu umgehen, baute Russland – ähnlich wie Iran und Nordkorea – eine eigene Transport- und Verschleierungsinfrastruktur auf: Öl wird teils auf See von Schiff zu Schiff umgepumpt, Positionen werden gefälscht (Spoofing), Eigentümerketten werden über Konstrukte mit Briefkastenfirmen und Flaggenwechseln verschleiert.  

Die Schattenflotte wird auf 1.200 bis 1.600 Tanker geschätzt (etwa ein Fünftel der weltweiten Tankerflotte) und ist sehr alt (durchschnittlich 20–25 Jahre gegenüber ca. 13 Jahren weltweit). Viele Schiffe stammen aus Verkäufen westlicher Unternehmen; Griechenland wird als besonders wichtiger Lieferant genannt. Beliebte „Zweckflaggen“ waren u. a. Panama, Gabun, Barbados, Cookinseln sowie St. Kitts und Nevis.  

Gegenmaßnahmen: USA, EU und Großbritannien verhängten Sanktionen gegen hunderte Tanker (Hafenzugang, Versicherungen, Dienstleistungen). Die Überschneidungen sind aber begrenzt; nur ein kleiner Teil der Schiffe ist in allen drei Jurisdiktionen gleichzeitig betroffen. Laut einer im Text zitierten Kpler-Analyse wirken US-Sanktionen am stärksten, weil sie die Transportleistung (Tonnenmeilen) deutlich stärker drücken: betroffene Tanker laufen seltener Häfen an, fahren Umwege, liegen still oder werden verschrottet. Zusätzlich wurden Schiffe seit Ende 2025 Ziel ukrainischer Drohnen; besonders verwundbar seien Tanker unter falscher Flagge, weil ihnen diplomatischer Schutz fehlt.  

Warum werden Tanker nicht einfach wegen Verstößen gegen die Preisobergrenze beschlagnahmt? Juristisch braucht es laut Experten triftige Gründe wie falsche Flaggenführung bzw. Registrierungsprobleme. Bei „Marinera“ und beim im Mittelmeer von Frankreich gekaperten Tanker „Grinch“ spielten solche Registrierungsfragen eine Rolle. Zugleich streichen einige Flaggenstaaten unter EU/UK-Druck immer mehr Tanker aus ihren Registern, was hektisches „Flaggenspringen“ auslöst – teils bis hin zu fiktiven oder unzulässigen Flaggen.  

Als neue Strategie wechseln viele Tanker direkt ins russische Register: Laut Starboard Maritime Intelligence wurden seit dem 10. Dezember mindestens 26 Schiffe übernommen (18 davon im Dezember), deutlich mehr als zuvor. Die russische Flagge erhöht laut Analysten den politischen und rechtlichen Preis jeder Intervention und damit das Eskalationsrisiko (Beispiel: ein estnischer Kontrollversuch 2025, der durch russische Luftunterstützung vereitelt wurde). Gleichzeitig hat die „Trikolore-Strategie“ Nachteile: Russland übernimmt Verantwortung für Sicherheitsstandards, Versicherungslücken und Umweltrisiken einer alternden Flotte; außerdem sinken Anonymität und Manövrierfähigkeit, was Verfolgung und neue Sanktionen erleichtern kann.  

Ausblick: Laut einem im Text referierten Reuters-Bericht wird erwogen, die Preisobergrenze durch ein umfassendes Verbot von Seetransportdienstleistungen für russisches Öl zu ersetzen. Das würde auch den Teil des Handels treffen, der noch mit Tankern aus Griechenland, Zypern und Malta läuft. Russland müsste dann die Schattenflotte weiter ausbauen; die KSE-Schätzung im Text beziffert bisherige Tankerkäufe auf mindestens 10 Mrd. US-Dollar. Offen bleiben dabei drei politische Schlüsselfragen: Unterstützung durch die USA, die Haltung großer Importeure wie Indien und ob westliche Regulierer härter prüfen (Versicherung, technische Sicherheit) bei Durchfahrten entlang ihrer Küsten.  

Kommentare